Buchtipp für Erwachsene November 2013

Rathgeb, Eberhard:
Kein Paar wie wir : Roman / Eberhard Rathgeb. - München : Hanser, 2013. - 185 S. ; 21 cm
ISBN 978-3-446-24131-2 fest geb. : EUR 17.90

Kein Paar wie wir
Kein Paar wie wir (© Hanser Verlag)

Nein - keine Liebesgeschichte erwartet uns in Eberhard Rathgebs Roman, wie vielleicht der Titel oder das Buchcover vermuten lassen, sondern ein besonderes Schwesternpaar. Aus der Rückschau wird von den beiden Schwestern Ruth und Vika erzählt, die ihr ganzes Leben miteinander verbracht haben. Die eine etwas klüger, die andere etwas attraktiver. Vergleichbar mit einem alten Ehepaar teilen sie Alltag, Sorgen des Älterwerdens und eben auch eine lange Vergangenheit.

Sie leben zusammen in Buenos Aires und blicken gemeinsam auf viele Jahrzehnte gemeinsames Leben zurück. Doch im Gegensatz zu einem sich anschweigenden alten Ehepaar bleiben die Schwestern immer im Gespräch miteinander. Sie verbindet mehr als nur eine zufällige familiäre Bindung. Ihr Zusammenleben ist geprägt von gegenseitigem Respekt und Fürsorge füreinander.

Diese Nähe der beiden Schwestern hat sich bereits in der Kindheit gebildet. Als Vika schwer krank wird, verspricht Ruth, sie nie zu verlassen. Als die beiden dann vor dem Hitlerregimes mit den Eltern aus Deutschland nach Buenos Aires flüchten müssen, beginnt für die ganze Familie ein völlig neues Leben.

Die Mutter wird depressiv und kann sich im neuen Land nur schwer zurechtfinden. Dem Vater sind seine zahlreichen Affären wichtiger als die Familie. So sind die beiden Schwestern noch stärker miteinander verbunden und dem Leser wird schnell klar: Sie werden einander nie verlassen. Eine eigene Familie zu gründen oder eine andere Liebesbeziehung zu einem Mann einzugehen, kommt für sie nicht in Frage.

Als junge Frauen flüchten sie zusammen nach New York, haben beruflichen Erfolg und genießen ihr gemeinsames Leben. Spätestens an dieser Stelle wartet der Leser auf einen Ausbruch der beiden Schwestern aus dieser Konstellation. Doch das geschieht nicht. Der Autor lässt bewusst den Leser entscheiden, ob es nun für diese beiden Frauen ein Glücksfall oder eine Last ist, dass sie ihr Leben gemeinsam meistern. So wird man zum Beobachter einer besonderen Beziehungskonstellation, ohne dass der Autor vordefinierte Lösungen oder Entscheidungshilfen anbietet. Man schwankt bei der Lektüre immer zwischen Mitleid und Bewunderung. Eindrücklich und berührend erzählt der Autor eine ganz besondere Schwesterngeschichte, die uns die verschiedenen Arten der Liebe noch einmal überdenken lässt.

Eine lohnende Lektüre, die auf der Buchmesse 2013 mit dem aspekte-Literaturpreis 2013 ausgezeichnet wurde.


Eberhard Rathgeb wurde 1959 in Buenos Aires geboren und folgte mit vier Jahren seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland. Er studierte Germanistik in München und Frankfurt am Main. Nach dem Studium arbeitete er über zehn Jahre lang als Lektor für Geistes- und Humanwissenschaften sowie für Sachbuch in verschiedenen Verlagen. Rathgeb wurde 1998 Feuilletonredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 2007 wechselte er zur "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"

Bis 2006 wohnte er in verschiedenen Städten und zog dann aufs Land. Er lebt mit seiner Familie, zu der auch eine leibliche Tochter gehört, in einem abgelegenen norddeutschen Dorf.

Vom Autor sind bereits erschienen:
Inventur. Deutsches Lesebuch 1945 – 2003 (2003), Die engagierte Nation. Deutsche Debatten (2005), Schwieriges Glück. Versuch über die Vaterliebe (2007).

Andrea Effinger, Stadtbibliothek im Torhaus

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