Buchtipp für Erwachsene Mai 2015

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt

Erzählungen / - München : Hanser, 2014. - 237 S.
ISBN 978-3-446-24602-7 fest geb. : EUR 19.90

(© Hanser)

Am 15. März wurde Karen Köhler für ihr literarisches Debut „Wir haben Raketen geangelt“ mit dem Schubart-Literaturförderpreis 2015 ausgezeichnet. Bei dem preisgekrönten Buch handelt es sich um eine Sammlung von neun Erzählungen, in deren Zentrum stets ein weibliches Ich steht. Nicht immer, aber meistens sind es junge Frauen, die erzählen, wie es um sie steht – in Form eines Tagebuchs, eines Protokolls oder auch in Form von Postkarten und Briefen, die eine der Protagonistinnen von unterwegs an ihren Freund schickt. Themen der meisten Erzählungen sind Verlassenwerden, Flucht und Ausbruch aus dem Alltag sowie Krankheit, Tod und andere Einschnitte ins Leben.

 

Die Protagonistinnen fast aller Erzählungen sind vom Leben gebeutelt und desillusioniert. Sie haben keine großen Erwartungen mehr an ihre Zukunft. Sie haben Enttäuschungen, Verluste oder Schlimmeres erlebt. Und oft ist ein Mann schuld oder liefert den Anlass dafür.

 

In „Cowboys und Indianer“ sind es gleich zwei Männer, die der Erzählerin Böses angetan haben: In der Gegenwartsebene der Erzählung ihr Mitreisender, der sie im Death Valley einfach ohne Gepäck, Papiere, Geld und Kreditkarte sitzen lässt; als Schülerin hat sie vor Jahren ein älterer Jugendlicher vergewaltigt und wurde vom Gericht freigesprochen, worüber sie nie hinweggekommen ist. Ein Indianer rettet sie und gemeinsam begeben sie sich auf einen Roadtrip durch den Westen der USA.

In der titelgebenden Erzählung „Wir haben Raketen geangelt“ hat sich der Freund der Protagonistin völlig unerwartet mit Tabletten vergiftet und einen Abschiedsbrief mit gerade einmal sechs Worten hinterlassen: "Krassiwaja, es tut mir leid. Libero", ohne irgendeine weitere Erklärung.

In „Wild ist scheu“ ist es der Unfalltod des Lebensgefährten, der die Ich-Erzählerin aus der Bahn wirft. Sie versteckt sich im Wald auf einem alten Hochstand, wo sie penibel ein Protokoll führt über ihren allmählichen Hungertod, zu dem sie sich entschlossen hat.

In „Starcode Red“ heuert eine junge Frau bei der Entertainmentmannschaft eines Kreuzfahrtschiffes an, nachdem sie von ihrem Freund wegen einer anderen verlassen wurde. Sie gewährt dem Leser ihrer Geschichte einen desillusionierenden Blick hinter die falschen Glitzerkulissen dieser schwimmenden Hotels auf die Arbeitsbedingungen der Crewmitglieder.

 

In anderen Erzählungen sind es schwere Krankheiten – eigene oder die nahe stehender Menschen – , die die Frauen aus der Bahn werfen: In „Il Commandante“ und Nr. 6 der „Familienportraits“ ist es eine Krebserkrankung, in Nr. 3 die Altersdemenz der Mutter, in Nr. 1 die Alkoholerkrankung des Vaters. Überhaupt sind die „Familienportraits“, die in ihrer Trostlosigkeit stark an Kurzgeschichten von Gabriele Wohmann erinnern, starker Tobak. Auch der Selbstmord der Schwester, die von einer Brücke springt, fehlt nicht.

 

Nur zwei der Geschichten haben ein echtes Happy End:

In der schon erwähnten Erzählung „Cowboys und Indianer“ wird die Erzählerin von einem echten Indianer gerettet und gewinnt auf der Reise mit ihm wieder Vertrauen in die Menschen, in „Polarkreis“ akzeptiert die Postkarten- und Briefeschreiberin den Heiratsantrag ihres Freundes schließlich, nachdem sie auf einer vierwöchigen Italienreise ihren Standpunkt geklärt hat.

 

Überwiegend also inhaltlich schwere Kost, bei der der Leser oft nur allmählich oder gar erst zum Schluss die ganze Tragik der Geschichte durchschaut. Das ganze wird zudem meist in einer lakonischen, manchmal sehr direkten Sprache erzählt. Ein Buch also, an dem man als Leser zu kauen hat – nicht nur beim Lesen, sondern auch noch danach.

 

Trotzdem oder gerade deswegen: Ein höchst lesenswertes Buch, das zum Nachdenken über das menschliche Sein und seine Vergänglichkeit anregt. Und so manche Leserin und mancher Leser wird am Ende der Lektüre die eigene Lebenssituation mit ganz neuen Augen sehen und denken: Wie gut es mir doch geht.

 

Karen Köhler (* 1974 in Hamburg) ist Schauspielerin, Illustratorin, Performance-Künstlerin, Theaterautorin und Schriftstellerin. Sie hat in Bern an der Hochschule für Musik und Theater Schauspiel studiert. Nach einigen Jahren in Festengagements als Schauspielerin kehrte sie 2008 nach Hamburg zurück, wo sie vor allem als Theaterautorin arbeitet. Gleichzeitig betätigt sie sich als Performance-Künstlerin. Mit „Wir haben Raketen geangelt“ schaffte sie es 2014 unter die sieben Finalisten des aspekte-Literaturpreises. Neben dem Schubart-Literaturförderpreis erhielt sie für den Band den Rauriser Literaturpreis, den die Salzburger Landesregierung für die beste Prosa-Erstveröffentlichung in deutscher Sprache des jeweiligen Jahres verleiht.

 

Michael Steffel

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