Buchtipp für Erwachsene März 2015

Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther : Geschichten

Berlin : Suhrkamp, 2014. - 285 S.
ISBN 978-3-518-42404-9 fest geb. : EUR 19.95

(© Suhrkamp)

Es gibt Autorinnen und Autoren, die es regelmäßig auf Bestsellerlisten schaffen, ohne jemals etwas geschrieben zu haben, was die Bezeichnung Literatur wirklich verdienen würde. Und dann gibt es solche, die gleich mit ihrem ersten Buch ein literarisches Kleinod schaffen, obwohl sie es in einer Sprache verfasst haben, die noch nicht einmal ihre Muttersprache ist.

 

Die Schubart-Literaturpreis-Trägerin des Jahres 2015, Katja Petrowskaja, ist eine von dieser seltenen Gattung. Dass es ihr Debüt „Vielleicht Esther“ mangels Massentauglichkeit auf keine Bestsellerliste geschafft hat, wird ihr angesichts der Tatsache, dass sie dafür neben dem Schubart-Preis auch noch den Ingeborg-Bachmann-Preis 2013, den Aspekte-Literatur-Preis 2014 und den Ernst-Toller-Preis 2015 erhalten hat, wahrscheinlich egal sein. Die vier Preise sind – im Gegensatz zu einer Platzierung in den oberen Rängen einer Bestsellerliste – ausreichend Beleg für eine hohe literarische Qualität des Buchs.

 

In „Vielleicht Esther“ berichtet die heute in Berlin lebende gebürtiger Kiewerin in Form von – der Untertitel des Buches sagt es schon – Geschichten von ihren Versuchen, die Geschichte ihrer weit verzweigten ostjüdischen Familie zu rekonstruieren, vage mündliche Überlieferungen zu verifizieren und die durch Krieg und Holocaust entstandenen Lücken in der Familiengeschichte zu füllen. Diese Spurensuche führt die Erzählerin zurück nach Kiew, in die Stadt ihrer Geburt, nach Warschau, nach Wien, nach Mauthausen und an zahlreiche andere Orte, an denen ihre Vorfahren gelebt haben oder an denen sie Informationen über sie zu finden hofft. Ganz allmählich werden die Konturen der Vergangenheit schärfer, Lücken schließen sich, Familienmitglieder, die totgeschwiegen wurden, tauchen auf, Kontakte zu entfernten Verwandten in den USA entstehen, manche mündliche Überlieferung erweist sich als falsch oder gefälscht. Dabei schildert Petrowskaja nicht nur ihre Bemühungen, die Vergangenheit ihrer Familie zu rekonstruieren, und deren Ergebnisse, sie erzählt auch von ihren Reisen im Zusammenhang mit ihrer Suche, beschreibt Orte und Landschaften, berichtet von Begegnungen mit Menschen, die ihr weiterhalfen, lässt den Leser teilhaben an ihren Gedanken und Tagträumen. Trotz dieser verschiedenen Erzählelemente und der Fragmentierung des Erzählten in einzelne Geschichten bildet das Buch dennoch ein geschlossenes Ganzes: Die Suche nach der Vergangenheit ihrer Familie als roter Faden und die dichte, stellenweise lyrische Sprache sorgen dafür, dass es nicht in einzelne Geschichtchen zerfällt.

 

Wie schon gesagt: Keine massentaugliche Lektüre, denn aufgrund seiner Sprache erfordert das Buch ein konzentriertes Lesen, das aber reich belohnt wird, wenn man Durchhaltevermögen beweist. „Vielleicht Esther“ geht nämlich weit über eine Familiengeschichte hinaus und lässt in ihr auch die Geschichte des osteuropäischen Judentums vom 19. Jahrhundert bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wieder lebendig werden. So setzt Katja Petrowskaja mit ihrem Buch gleichzeitig einer längst vergangenen Kultur ein spätes Denkmal.

 

Am Dienstag, 7. April 2015, um 17 Uhr wird das Buch im Literatur-Treff der Stadtbibliothek ausführlich vorgestellt.

 

Michael Steffel

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